Medikamente bei Multipler Sklerose

Kortisone (Glukokortikoide) sind körpereigene Hormone bzw. deren Abkömmlinge. Da sich Kortison und andere Glukokortikoide nur in der Stärke, nicht jedoch in der Wirkungsweise unterscheiden, bleiben wir im Folgenden beim Begriff Kortison. Oft verkürzen Kortisone einen MS-Schub, indem sie entzündungshemmend wirken. Da eine Wirkung auf den Langzeitverlauf nicht belegt ist, Kortisone aber gerade bei Dauereinnahme Nebenwirkungen haben, werden sie in der Langzeitbehandlung der MS nicht eingesetzt.

Interferone sind verschiedene körpereigene Botenstoffe des Abwehrsystems mit unterschiedlichen Wirkungen. Beta-Interferone dämpfen sowohl die wahrscheinlich an der Multiple-Sklerose-Entstehung beteiligten T-Zellen als auch die abwehrstimulierenden Botenstoffe und haben sich in Studien als wirksam zur Beeinflussung des Langzeitverlaufs erwiesen. In Deutschland sind drei gentechnisch hergestellte Beta-Interferone (Betaferon®, Avonex®, Rebif®) zur Behandlung der MS zugelassen, die entweder vom Patienten selbst unter die Haut oder vom Arzt in den Muskel gespritzt werden. Häufige Nebenwirkung sind grippeähnliche Beschwerden, die mit der Zeit aber besser werden und gut behandelt werden können.

Glatirameracetat (Copaxone) ist ein Eiweißgemisch, das dem Hauptbestandteil der Markscheiden (die ja bei der MS vom körpereigenen Abwehrsystem angegriffen werden) ähnelt. Sein genauer Wirkmechanismus ist bis heute ungeklärt. Wahrscheinlich „lenkt“ Glatirameracetat die Abwehrzellen von den Markscheiden „ab“ und verschiebt zusätzlich die allgemeine Abwehrlage in Richtung Entzündungsdämpfung. Glatirameracetat wird ebenfalls vom Patienten selbst unter die Haut gespritzt. Es ist gut verträglich, braucht allerdings einige Monate, bis es voll wirksam ist.

Laut einer aktuellen Studie profitieren Patienten, die an Multipler Sklerose im Frühstadium leiden, von einer Kombinationstherapie mit dem Asthmamittel Albuterol. Dieser Wirkstoff unterbindet die Bildung des Zellbotenstoffs Interleukin-12, ein Eiweiß, das eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von MS spielt. Amerikanische Neurologen behandelten mit der Wirkstoff-Kombination erstmals eine kleine Gruppe von MS-Patienten und stellten fest, dass die Kombinationstherapie die Symptome bei Patienten im Frühstadium besser linderte als die Einzeltherapie. Bei MS-Patienten im fortgeschrittenen Stadium hingegen schnitten Einzel- und Kombinationstherapie gleich gut ab. Um diese Wirkung sicher zu bestätigen, sind jedoch noch weitere, größere Studien nötig.

Cannabis: Seit Juli 2011 steht MS-Patienten ein cannabishaltiges Spray (Sativex®) zur Verfügung. Auf die Mundschleimhaut gesprüht, hilft das Medikament gegen Spastiken. Gedacht ist es vor allem für diejenigen, die unter mittleren bis schweren Krampfzuständen leiden und auf die üblichen Wirkstoffe Baclofen oder Clonazepam nicht ansprechen. Sativex® enthält zwar THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) – den psychoaktiven Inhaltsstoff der Cannabis-Pflanze –, einen Rausch bekommen die Patienten aber nicht. Das verhindert die Kombination von THC mit der Substanz Cannabidiol.

Hoffnungsträger: monoklonale Antikörper: Seit 2006 ist der monoklonale Antikörper Natalizumab (Tysabri®) für die Behandlung hochaktiver, schubförmiger Verläufe zugelassen, falls Interferone keine Wirkung gezeigt haben. Er vermindert die Wanderung von Abwehrzellen aus den Blutgefäßen in entzündete Gewebe und wird einmal monatlich als Kurzinfusion gegeben. Wegen teils ernster Nebenwirkungen ist der Einsatz von Natalizumab eng begrenzt.

Auch der monoklonale Antikörper Alemtuzumab (Lemtrada®) hat die Zulassung für die Behandlung hochaktiver Verlaufsformen der Multiplen Sklerose erhalten. Verabreicht wird er in Zyklen mit fünf Infusionen im ersten Jahr, drei Infusionen im zweiten Jahr und gegebenenfalls im dritten. Da Nebenwirkungen häufig sind und Alemtuzumab stark in das Immunsystem eingreift, ist eine Anwendung sorgfältig abzuwägen.

Ein weiterer monoklonaler Antikörper ist Daclizumab (Zinbryta®). Angewendet wird er bei Erwachsenen mit schubweise verlaufender Multipler Sklerose. Der Wirkstoff wird einmal monatlich in die Haut von Oberschenkel, Bauch oder Oberarm gespritzt. Nach entsprechender Schulung kann die Injektion vom Patienten selbst oder seinen Angehörigen durchgeführt werden. In ersten Studien zeigte sich Daclizumab gegenüber Interferonen überlegen, allerdings mit teils beträchtlichen Nebenwirkungen. Häufig sind Entzündungen und Infektionen der Atemwege wie Bronchitis, Grippe, Erkältung, Mandelentzündung oder Lungenentzündung. Auch Hautreaktionen sind möglich, über seltene Fälle schwerer Leberschäden wurde berichtet. Vor Beginn der Therapie und in regelmäßigen Abständen während der Therapie ist deshalb eine Kontrolle der Leberwerte ratsam. Treten unter Daclizumab-Einnahme Hinweise auf Leberschäden auf, z. B. Gelbsucht, Erbrechen, Bauchschmerzen und/oder dunkler Urin, ist ein Arzt aufzusuchen. Nutzen und Risiko sind auch bei diesem Wirkstoff abzuwägen.

Orale Immuntherapeutika:

Dimethylfumarat (Tecfidera®) ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Fumarate zur dauerhaften Anwendung bei milder Verlaufsform der Multiplen Sklerose. Es soll die Häufigkeit akuter Schübe reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Dimethylfumarat wird zweimal täglich als Kapsel mit dem Essen geschluckt. Häufige Nebenwirkungen sind ein Flush (anfallsweise auftretende Gesichtsrötung) und Verdauungsstörungen. Unter Dimethylfumarat-Therapie verringert sich häufig die Lymphozytenzahl im Blut. Dadurch steigt das Risiko für eine PML (progressive multifokale Leukenzephalopathie), einer lebensbedrohlichen Krankheit des Zentralnervensystems. Um auf eine PML frühzeitig aufmerksam zu werden, muss vor Therapiebeginn und in dreimonatigen Abständen während der Therapie das Blutbild regelmäßig kontrolliert werden.

Teriflunomid (Aubagio®) zählt zu den Immunmodulatoren und ist für die Behandlung der schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose mit moderater Verlaufsform zugelassen. Es soll die Häufigkeit akuter Schübe reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Das Arzneimittel wird einmal täglich unabhängig von den Mahlzeiten geschluckt. Häufige Nebenwirkungen sind Durchfall, Übelkeit und Haarwachstumsstörungen. Eine regelmäßige Kontrolle der Leberwerte sollte erfolgen.

Die Anwendung von Fingolimod (Gilenya®) kann bei Therapieversagen oder hochaktiver schubförmiger MS erwogen werden. Nebenwirkungen umfassen die Reduktion der Herzfrequenz, Störungen der Herzerregungsleitung sowie seltene, aber schwere Störungen der Funktion der weißen Blutkörperchen. Beobachtet wurden ferner Fälle von progressiver multifokaler Leukenzephalopathie (PML, eine Krankheit des Zentralnervensystems) sowie von Basalzellkarzinomen. Während der Behandlung wird deshalb eine jährliche medizinische Beurteilung der Haut empfohlen sowie eine mindestens jährliche Blutbildkontrolle.

Von: Dr. med. Nicole Menche